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Begegnung mit Skinner






 

Harald A. Weissen



ISBN: 978-3-940235-98-5

Erschienen: Mai 2010

Preis: 14,90 Euro

Broschiert, 200 Seiten



 

  

Klappentext  

 

 

 

Stell dir vor, dass alles Große, das seit Anbeginn der Zeit in der Welt geschieht, aus einem Kontrollraum gelenkt wird - Erfindungen, Kriege, politische Umschwünge, Armut und Wohlstand.
Stell dir vor, dass eine einzelne Person für mehrere Jahrzehnte in diesem Kontrollraum sitzt und die Geschicke der gesamten Menschheit nach eigenem Gutdünken beeinflusst.
Stell dir vor, dass die nächste Person in diesem Raum verrückt ist.

Die Suche nach dem Kontrollraum führt eine traumatisierte, junge Frau namens Laika, Elendes Biest und Skinner, den letzten Illusionisten, zusammen.

 

Leseprobe

 

Bilder ... unser Leben besteht aus Bildern, dachte Skinner und zog wahllos eines aus einem Stapel hervor. Es zeigte unzählige bleiche, zerlaufende Fratzen, die allesamt den Betrachter lüstern anzustarren schienen. Ihre Augen waren rote Flecken, unsauber und verschmiert, vielleicht mit den Fingern hingemalt.
„Die erste Nacht, nachdem sie aus dem Kinderheim geflohen ist, in das man sie nach dem Unfall gesteckt hat“, sagte Elendes Biest. Wie aus dem Nichts war es neben dem Illusionisten aufgetaucht. „Zu dem Zeitpunkt lag der Unfall bereits ein Jahr zurück, doch für sie stellte dieses Jahr nicht mehr als ein Tag dar.“
Skinner stellte das Bild zurück und folgte Laika. Und noch bevor er den vor ihm liegenden Raum betrat, eilte Elendes Biest an ihm vorbei und sprang auf die Rückenlehne eines Sofas, dessen besten Tage in grauer Vorzeit lagen. Vor dem Sofa stand ein verkrüppeltes Exemplar von einem Tisch, das an ein schwerverletztes Kriegsopfer gemahnte. Etwas abseits ein Drehständer. Und über allem hing, wie ein durch Pinselstriche ins Leben gerufener Traum, der latente Geruch nach Farben und Verdünner, die in Büchsen und Tuben überall herumlagen und -standen. Das Mädchen tapste an einer Staffelei, die diesen Namen nicht verdiente, vorbei, kniete sich vor das wandfüllende Gemälde einer nächtlichen Unfallstelle. Ein im handwerklichen Sinn durchschnittliches Bild, doch von solch heftiger Intensität, Lebendigkeit und Finsternis erfüllt, die man nicht in einem kreativen Akt malen konnte. Man musste sie regelrecht auskotzen, aus sich herauswürgen und an jedem noch so winzigen Detail leiden. Es war nicht das Ergebnis schöngeistiger Zeugung, sondern der Versuch, dunkelste Alpträume und Erinnerungen einzufangen und in enge Rahmen zu quetschen und sie damit zu bannen, zu sortieren und zu verarbeiten. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Fasziniert trat Skinner näher an die Wand heran, streckte die Hand danach aus und verharrte nur Zentimeter darüber. Er konnte die Hitze des apokalyptischen Flammenmeers, in welches das Wrack des brennenden Wagens gehüllt war, geradezu fühlen.
„Der Unfall“, kommentierte Elendes Biest unnötigerweise, „der mich und ihre Kreativität aus ihr herausgerissen hat.“
Wimmernd kroch Laika zu einem Stapel Bilder, der unter einem mit Karton zugeklebten Fenster lehnte, und suchte mit fahrigen Bewegungen nach einem Bestimmten. Immer wieder ging sie den Stapel aufs Neue durch, bis sie das richtige Bild fand und es an die Wand stellte, welche den Unfall zeigte. Neben das Erste stellte sie ein zweites Gemälde, das sie vom Boden aufhob. Es zeigte ein Haus und die Nacht – nur dass diese Nacht das Gebäude verschlang.
Als Skinner etwas länger die darin gefangenen Details studierte, bemerkte er, dass Schwarz in Schwarz eine viel zu große, viel zu dünne Gestalt mit langen Klauen und ordinär erigiertem Glied vor dem Haus stand und in eines der Fenster spähte.
„Sie glaubt“, sagte Elendes Biest, während Laika zurück in den Flur ging, „dass einer, den sie auf der Straße Knochen nennen, sie verfolgt. Er hat sie vor sieben Jahren unter einer Brücke vergewaltigt, als sie ungefähr fünfzehn war und noch keinen Weg gefunden hatte, zu Geld und einer eigenen Wohnung zu kommen. Sie lebte damals auf der Straße, in Kellern verlassener Häuser und dreckigen Hinterhöfen.“
„Und das da?“, wollte Skinner wissen. Er deutete auf das erste Bild, auf dem man nur mit Mühe einen schneeweißen, weiblichen Leib ausmachen konnte, der inmitten von Blau trieb.
„Das ist Lily, die einzige Person, zu der sie so etwas wie eine Freundschaft pflegte. Lily arbeitete am Drogenstrich und gab sich irgendwann den goldenen Schuss. Jemand hat sie in der Sihl entsorgt.“ Ein heftiges Zittern ging durch den unglaublich dünnen, grauen Körper.
Skinner nahm den Zylinderhut ab, legte ihn auf den Tisch, und auf den Hut das Paar weißer Handschuhe. Als er sich nach Laika umsah, kam sie gerade in kleinen tapsenden Schritten aus dem Flur zurück. Sie hielt eine Leinwand, die gerade mal so groß wie ein Taschenbuch war, an die Brust gepresst und schlich durch den Raum, an Skinner und ihrem Verstand vorbei, als würden diese nicht existieren. Sie stellte das Bild neben die anderen beiden, setzte sich davor und änderte mehrmals ihre Reihenfolge, so dass das kleine Bild zu guter Letzt in der Mitte liegend zur Ruhe kam. Dann zog Laika die Arme wie einen Schutzschild an die Brust, verkrampfte die kleinen Hände zu Fäusten und wippte vor und zurück. Monoton, gleichbleibend, mit einem Ausdruck im Gesicht, der von Qual, und nichts anderem als purer Qual, erzählte.
Ohne dem Mädchen zu nahe zu kommen, ging Skinner in die Knie und besah sich das Bild. Es zeigte Augen. Nichts als von Irrsinn ausgefüllte Augen, die sich überlappten und ergänzten und den Rahmen zu sprengen drohten.
„Ihr alles überdeckender Verfolgungswahn“, sagte Elendes Biest. „Es begann, als sie erfuhr, dass ihre Eltern und ihr Bruder verstorben waren.“
„Und das dort drüben?“ Er deutete auf ein Gemälde, das unter dem Lichtschalter stand und etwas Fleischfarbenes zeigte, das möglicherweise eine Extremität darstellte.
„Der Arm ihrer Mutter, der aus dem Wrack ragte. Lange hat es nicht gedauert, bis er in den Flammen verkohlte.“
„Wie viele Bilder sind es insgesamt?“, wollte Skinner wissen. Er erhob sich und schaute sich um, versuchte sich an einer groben Schätzung.
„374 Ölbilder“, kam ihm Laikas Verstand zuvor. „Einige hat sie im Lauf der Jahre zerrissen, zerschnitten oder auf andere Art zerstört.“ Elendes Biest beugte sein katzenhaftes Haupt nach vorn, was ihm den Ausdruck eines Raubtieres verlieh, das seiner Beute auflauerte. „Dazu 81 Skizzenbücher. Jedes Einzelne hat sie verbrannt, sobald es voll war. Es hat ihre Ängste weder vertrieben noch abgeschwächt.“
Einen Moment noch ließ Skinner den Blick durch den Raum schweifen, verharrte dann auf dem Mädchen, das sich seitlich hingelegt hatte und in fötaler Stellung liegen geblieben war. Hätte sich ihre Brust nicht schwach gehoben und gesenkt, hätte man dem Eindruck erliegen können, eine Tote vor sich zu haben. Der Illusionist verließ den Raum und suchte die Küche. Und als er dem vorherrschenden Dreck und Chaos, diesem Paradies für Ungeziefer, gewahr wurde, beschloss er, den wahrhaft babylonischen Turm schmutzigen Geschirrs, der sich neben der Spüle stapelte, zum Einsturz zu bringen.
Er wusch ab und dachte nach.